Aufruhr in mittleren Jahren

Nina Lykke – Aufruhr in mittleren Jahren

Nina Lykke

Der bissige Familienroman von Nina Lykke zeigt uns die Dreiecksgeschichte aus der Sicht der betroffenen Figuren Ingrid, Jan und Hanne.

Der Einstieg in das Geschehen aus der Perspektive von Ingrid ist fulminant. Es ist eine radikale und finstere Betrachtung ihres erstarrten, getakteten Lebens zusammen mit Jan und den beiden erwachsenen Söhnen, die nicht ausziehen wollen und von den Eltern ganz selbstverständlich Support verlangen. So wäscht Ingrid noch immer ihre Schmutzwäsche, entfernt Bremsspuren in ihren Unterhosen, wechselt ihnen also die Windeln. Mit Jan führt sie eine geordnete, freundliche Ehe, in der sogar Sex einmal die Woche Platz hat. In der Schule gibt sie die engagierte Lehrerin, obwohl sie innerlich immer wieder abschweift und sich nur auf der Behindertentoilette einigermassen wohlfühlt, da sie in den vier Wänden alleine ist.

Jan wird im Ministerium befördert und kurz darauf verliebt er sich in Hanne, eine Mitdreissigerin in seinem Team, die ein unabhängiges, ungestümes Leben führt. Der Beamte, der Jazzmusiker werden wollte, fühlt sich durch die Unbekümmertheit von der jungen Frau stark angezogen, er zieht Hals über Kopf zu ihr und fühlt sich in ihrer chaotischen Wohnung so lebendig wie seit Jahren nicht mehr.

Die Lockerheit von Hanne ist allerdings eine Farce. Dahinter verbirgt sich ein Mensch, der sich sowohl Unabhängigkeit als auch Geborgenheit wünscht, eine junge Frau, die gerne Kinder haben möchte, aber keine Bindung eingehen will.

Es kommt zur Trennung von Jan und Ingrid, Hanne zieht mit schwangerem Bauch in das wohlgeordnete Haus des getrennten Ehepaars ein. Die Söhne bleiben. Und Ingrid – die zieht ins Auto um und fährt los.

Das ist ein geglückter Roman über das Zerbrechen der bürgerlichen Wohlstandsfassade – ohne Kitsch, ohne Mitleid, jedoch abgründig und immer wieder komisch. Ein Lesegenuss.

Beatrix Stuber

Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag
, 269 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-312-01060-8

CHF 28.90